Die Neckarfront um das Jahr 1930

Geschichte und Nachdenkliches

Oder: Vom Transportmittel zur Freizeitbeschäftigung und zurück

Ursprünglich war der Stocherkahn, schon durch die rustikale, schnörkel- und anspruchslose Bauweise sichtbar, schlicht eine schwimmende Arbeitsplattform für Fischer, für Fährleute usw. und folglich ein Transportmittel.Das konnte in Tübingen natürlich nicht so bleiben, sowas verwenden war vorstellbar, aber in einer Stadt, in der die Ideen nie ausgehen, wo sich studieren und Feste feiern ungleiche Kämpfe liefer(te)n, die das studentische Motto "gaudiamus igitur" stets für sich entschied, war eine spaßigere Nutzung Bedingung.

Die Zeit kam allerdings erst dann, als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die teilweise lange vorher gegründeten studentischen Verbindungen entschlossen, den Tübinger Weingärtnern bevorzugt auf dem Österberg und auf dem Schloßberg günstige Grundstücke abzukaufen, um auf ihnen eigene Häuser zu bauen ("Haus" ist zwar der Terminus, teilweise trifft aber eher Schloß zu), ab da war der Stocherkahn nicht mehr fern und er kam auch.

Man brauchte weder die an den ältesten Kähnen noch vorhanden gewesenen Ruderdollen, noch den Mastfuß für Segel (was darauf hinweist, daß man Nachen bevorzugte), baute eine Standfläche am Heck ein (die Stocherplattform) holte sich von einem Wagner eine Holzstange, versah sie mit einer Stahlspitze, gab sie dem auf der Stocherplattform und überließ ihn seinen Lernprozessen, mit dieser primitivsten aller Steuerungen zurecht zu kommen. Fertig war ein uriges Freizeitvehikel mit Spaßfaktor, da es von Anfängern recht schwierig in den Griff zu bekommen war - was sich bis dato und ohne Anleitung, die einen aufmerksamen Zuhörer findet, nicht geändert hat und auch nicht ändern wird. Die Gefahr, baden zu gehen, war ausdrücklich willkommen.
Es waren folglich die Tübinger Studentenverbindungen gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts - eine klare zeitliche Zuordnung ist schwierig, weil zu wenig überliefert ist, und/oder sich die Gilde der Stadthistoriker diesem Themenbereich nie zugewandt hat, was ihnen dringend zu empfehlen wäre - die unzweifelhaft als Begründer einer heutzutage nicht mehr wegzudenkenden Touristenattraktion gelten müssen. Niemand sonst könnte in Frage kommen, wenigstens das gilt als sicher.

Vor 50 Jahren völlig unvorstellbar, hätte selbst vor 30 keiner mit dieser dann fast plötzlich einsetzenden Entwicklung in seinen kühnsten Träumen gerechnet. Mitte der 70er Jahre gab es ca. 50 Stocherkähne insgesamt, während jetzt 130 den Neckar bevölkern, mehr allerdings werden es nicht, weil keine neuen Zulassungen vergeben werden.

Rückblick: Als die sog. 68er-Generation in Tübingen sich zwischen Vorlesungen oder konsequent bei schönem Wetter auf der Neckarmauer zwischen Neckarbrücke und Hölderlinturm sonnte, Gott im besten Fall einen guten Mann sein ließ, störten aus ihrer Sicht nur die Stocherkähne und natürlich die, die auf ihnen waren, eben überwiegend Verbindungsstudenten. Man wollte Neues, radikales, aber nichts konservatives, folglich nichts bewahren, denn konservieren bedeutet erhalten, bewahren im Sinne des Wortes.

Die damals noch keineswegs häufigen Touristen aber fotographierten fleißig und begeistert das ihnen idyllisch und friedlich erscheinende Gesamtbild am liebsten mit Stocherkähnen, ohne von den neuen Feindbildern etwas zu ahnen.

Im obigen Bild aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts sitzt niemand auf dem Mauer, vielleicht, weil auf dem Neckar einfach zu wenig los war und es nichts besonderes zu sehen gab.

Gegen Ende der 80er Jahre fing der Bürger- und Verkehrsverein auf Wunsch der Stadtbesucher und wegen zunehmender Anfragen, an, bereitwillige Stocherer mit eigenen Kähnen zu suchen, und eine Runde um die Neckarinsel kostenpflichtig anzubieten und hatte eine Goldgrube gefunden. Die Stadt hatte endlich das Potential der Stocherkähne entdeckt und der Tourismus ist in der Zwischenzeit ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden.
Der Stocherkahn hatte seinen Siegeszug angetreten und mit ihm und ursächlich durch ihn fanden immer mehr Touristen hierher. Zuletzt hatte das Jahr 2012 als erfolgreichstes Tourismusjahr für regionale Schlagzeilen gesorgt. Es gab 227.000 Übernachtungen, ca. 2,7 Mio. Besucher der Altstadt und 6 Mio. Touristen im gesamten Raum Tübingen. Die Menschen kommen aus aller Herren Länder in diese weltoffene Stadt. Man nennt sie deshalb auch nach einem Bildband aus den frühen 80er Jahren; die kleine, große Stadt. Es ist keine Übertreibung, die Ansicht zu vertreten, das sowieso bildschöne Tübingen habe durch Stocherkähne eine Attraktion, die es gewissermaßen noch einzigartiger macht.

Heutzutage hat sich aus dem Phänomen ein willkommener Nebenerwerbszweig für einige Studenten und andere entwickelt. Es gibt ein paar wenige, die leben davon - und ohne sie könnten die jährlich steigenden Besucherzahlen nicht bewältigt werden...

Wer in einer Suchmaschine "stocherkahn" eingibt, kann sich scheinbar vor Angeboten fast nicht retten, wenn es jedoch um Termine geht, merkt man schnell, daß an Tagen mit positiver Wetterprognose die Nachfrage öfter höher als das Angebot im Internet ist.

Daher darf man tatsächlich behaupten, daß der Stocherkahn die Wandlung vom Transportmittel zur Freizeitbeschäftigung nun rückwärts erlebt.

...vorerst wenigstens bei den 10 - max.30 %, die ihn komplett, bzw. teilweise für kommerzielle Fahrten nutzen.

Da das Thema Geschichte so offensichtlich nicht zum Ergebnis führt, Nachdenklichkeiten persönliche Ansichten sind, die bekannten Fakten kaum Zusammenhänge liefern, soll ein Ausflug in die Welt der (vermeintlichen?) Anekdote gewagt werden:

Es heißt, irgendwo gäbe es Beweise (Dokumente - anscheinend), die behaupten, oder belegen? der Initiator des Stocherns in Tübingen sei ein Student namens Johannes Keppler gewesen (der weltberühmte Astronom und zeitweilig Tübinger Stiftler schreibt sich mit einem p - damit da keine Verwechslungen aufkommen, würde ja auch nicht ins Jahrhundert passen). Der habe von der Prager Universität nach Tübingen gewechselt und in seinem "Reisegepäck" eine sog. Moldauzille mitgebracht, das wäre damit der erste Stocherkahn gewesen.

Man wird sich nun mit Recht fragen, warum diese Geschichte überhaupt existieren kann, denn wenn sie keinerlei Substanz hätte, warum hat sie sich dann bis heute im Volksmund erhalten können?
Immerhin, auf der Moldau ist Stochern nachweislich erheblich, heißt, um Jahrhunderte älter als in Tübingen.

Die Stadthistoriker sollen bitte vortreten und sich mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigen, sie würden dafür sorgen, daß den geschichtsinteressierten Gästen an Bord eine Version und nicht viele erzählt werden, auch die Stadtführer hätten endlich die klare Antwort parat, die sie ebenso brauchen, wie wir Stocherer - und wir alle wären dankbar für Gewißheit.

Wie das Stochern tatsächlich angefangen hat, bzw. wie es nach Tübingen kam, wer es warum eingeführt hat, liegt bis dahin weiterhin im Dunkel der Geschichte verborgen, doch wer eine Tradition zu haben behauptet, muß die Anfänge kennen, kennt er sie nicht, ist nichts tradiert (übertragen) auf ihn, mit fehlenden Fakten ist solch einem Mangel nicht abzuhelfen, der Nährboden schlechthin für eigene Interpretationen, somit mentaler Wildwuchs.
Weil niemand "weiß", gibt es zunehmend als potentiellen Kandidaten Cambrigde zu hören, doch von dort kann es keineswegs gekommen sein, die so genannten Punts haben mit unserer Bootsform überhaupt nichts gemein und schon alleine diese Tatsache dürfte derartige Gedanken zerstreuen, das Offensichtliche ist eben nicht immer das Naheliegende!

Einen Zeitraum kann man allerdings relativ sicher abgrenzen und zwar deswegen, weil die Studentenverbindungen, Burschenschaften und Corps ihre eigenen Häuser frühestens in der (späten) zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts bauten. In diesen Jahren muß der erste Stocherkahn auf dem Tübinger Neckar zu bestaunen gewesen sein.

Ab wann die Stadt eine zentrale Anlegestelle am Hölderlinturm angeboten und eingerichtet hat, entzieht sich unserer Kenntnis, doch das alleine ist ein erneuter Beweis, wie wenig Aufmerksamkeit man dieser quirligen Gemeinde der Stocherer schenkt, es wäre nur recht und billig, wenn für derartige Fragen die Stadtarchive Auskunft geben könnten, es dürfte alles da sein, nur die Aufarbeitung liegt im argen, als Stocherer jedoch sollte man das wissen können, denn jeder einzelne ist ein Fremdenführer.

Bis dato gibt es jedenfalls keinerlei Grund, den oben erwähnten Johannes Keppler "aus dem Kahn zu werfen", diese Geschichte ist nämlich so schön, daß sie bereits beim Hören Spaß macht.